T. Kumlehn: Faszination der Urkraft

Faszination der Urkraft – Der Landschaftsmaler Hubert Globisch und die Naturkatastrophe

Von Thomas Michael Kumlehn
Nachdruck aus: BRANDENBURG Zeitschrift für Kultur, Geschichte und Natur. Nr. 3/2007, Seite 10/11 mit freundlicher Genehmigung von Herausgeber und Autor

Für Hubert Globisch (1914-2004) war die Landschaft der Mark, ihre karge Schönheit ein Leben lang Passion. Malen hieß bewahren. Malen hieß auch, die Wunden zu zeigen. Dem Wasser – als Naturelement und Lebenselixier – fühlte er sich in besonderer Weise verbunden. Es prägt als Thema sein Gesamtwerk. Den Höhepunkt dieser Auseinandersetzung bildet zweifelsohne der Zyklus »Oderflut« (1997/98). Hier kollidieren die Faszination der elementaren Urkraft und das apokalyptische Entsetzen. 

Globisch kannte das Land Brandenburg so genau wie die polnische Oderseite, wo er im oberschlesischen Neustadt (heute Prudnik, Landkreis Oppeln) fünf ihn prägende Kindheitsjahre verbrachte, und wohin ihn spätere Reisen auch immer wieder führen sollten. Während der Naturkatastrophe 1997, die Globisch in 27 Gemälden so intensiv reflektierte, war er nie vor Ort. Es existieren keinerlei Skizzen vom unmittelbaren Geschehen, die ihm ansonsten zur Vorbereitung seiner Bilder dienten. Statt dessen notierte er anfangs täglich seine zunehmende Unruhe im Kalender. Neben der Wetterlage und gewöhnlichen Verrichtungen findet sich am 19. Juli 1997 ein erster Hinweis: »Große Not wg. Überschwemmung in Polen/Oder und Tschechien 98 Tote.« [1] Am 21. Juli sieht er die ersten Fernsehbilder, die ihn »erschrecken«. Am 24. Juli sieht er die gebrochenen Deiche, drei Tage später »Erste Bildanfänge«. In den folgenden Tagen beschäftigt er sich »viel mit dem Oderbruch«. So lautet auch der erste Titel der entstehenden Folge, die Bild für »Bild im Kopf gewälzt« (28.7.) wird, bevor er zu Ölfarbe und Pinsel greift. Und immer wieder die »Oder, Oder, Oder!« (30.7.) »hält uns dauernd fest« (31.7.). »Verzweifelte Versuche, die Deiche zu halten«, so der Maler am 1. August.

Am 3. August heißt es: »Seit Tagen Bilder im Kopf Oder! Läuft gut an. Geht der Weg??« Der 9. August bringt – für den Maler – die erste Erleichterung im Atelier: »…gemalt Oder II abgeschlossen!« Am 15. August »noch immer die Oder im Mittelpunkt«. Und das sollte sie auch bleiben bis weit in das Jahr 1998 hinein. „Die ausführlichen Fernsehberichte über die Hochwasserkatastrophe haben Globisch so stark bewegt, dass er fast das Gefühl hatte, dabei gewesen zu sein. Die Zwiespältigkeit der Empfindungen zwischen Faszination für die weiten Wasserflächen und Erschrecken vor der Unbarmherzigkeit des Geschehens ist in allen diesen Bildern spürbar, wenn sie auch im Einzelnen mehr zur einen oder zur anderen Seite tendieren. Ruhige Farbfelder und sich aufbäumende, dramatische Formen wechseln einander ab. Und immer wieder leuchtet aus ihr ein mildes, wenn auch kühles Licht hervor, wie ein Hoffnungs- oder Sehnsuchtsschimmer.“ (Andreas Hüneke, 1999)[2] Es ist die Stille, aus der seine Bilder ihre Intensität gewinnen. Um die Essenz des Natürlichen zu bewahren, verschrieb sich Hubert Globisch einst der Malerei, mittels derer er auch zu so brisanten Themen, wie Umweltschutz, Stellung bezog. Autobiographisch fundiert formuliert er 2003 – ein Jahr vor seinem Tod – seine pazifistische Utopie: »Wir sind umgeben von Erdbeben, Überschwemmungen, Flugzeugabstürzen … wie wäre es, wenn wir Kasernen bauten, in denen viele unserer Arbeitsuchenden … eine Ausbildung im Handwerklichen fänden und als Einsatztruppen und Helfer in den Notfällen zur Stelle wären … Die Oder- und Elbe-Einsätze könnten ein Beispiel und Vorbild für diese Rettungskräfte sein.«

Am 3. April 2004, mit neunzig Jahren, verstarb der Potsdamer Maler Hubert Globisch. Wenig später beschloss seine Witwe, die Künstlerin Suse Globisch-Ahlgrimm, den Nachlass ihres Mannes dem Potsdamer Kunstverein e.V. treuhänderisch zu übergeben. Seither wurde das malerische Werk von Hubert Globisch in Form eines Werkverzeichnisses erschlossen und auf dieser Grundlage eine sieben Stationen umfassende deutsch-polnische Wanderausstellung vorbereitet, die von der inzwischen vorliegenden zweisprachigen Monographie begleitet wird.

Die Monographie nähert sich dem Leben und Werk von Hubert Globisch auf sehr komplexe Weise. Die inhaltliche und formale Beziehung von Bild, Poem, Essay und Information ist dem »Lauf der Flüsse«, der an- und abschwellenden Vielgestalt, verpflichtet. Deutsche und polnische Autorinnen und Autoren, wie Olga Tokarczuk, Uwe Rada, Andreas Hüneke, Ulrike Draesner, Jürgen Israel, Róža Domašcyna u.a. suggerieren und philosophieren, sie reflektieren, analysieren und – sie inventarisieren auch. Sie sprechen von der Oder, von ihrem Fließen, Rinnen und Strömen, von der Oder als Lebewesen, das Orientierung wie Verführung sein kann, das zu Kompromissen bereit ist, solange die Menschen das Maß des Lebens wahren. Sie sprechen auch von der Kindheit am Fluss, vom Geprägtwerden und Zurückfinden, von Erinnerung und Vergessen, wobei das Alter seine eigenen Fragen stellt. Natürlich geht es in den Texten um die Flut – um dieses Aufbegehren der Natur als weltliche Katastrophe wie als apokalyptische Botschaft.

Hubert Globisch war ein sehr bescheidener Mann, ein scheuer, zurückgezogen lebender Einzelgänger. Ihm missfiel das Klima der Öffentlichkeit. Seine Existenz verstand er – als Maler (seit 1945) und als Kunstpädagoge (seit 1958) – jenseits äußerer Zugriffe und Erwartungen. Engen Freunden aber war er stets zugetan, wie er auch auf seine Schüler vertraute, in deren Erinnerung Globischs einfühlsame Lehrtätigkeit zur Legende wurde.
Die wenigen, bisher veröffentlichten Anhaltspunkte zu Leben und Wirken von Hubert Globisch wurden anhand neu erschlossenen Materials vielfach ergänzt und erweitert. So bieten Biographie, Bibliographie und Werkverzeichnis eine profunde Arbeitsgrundlage, um sich den zahlreichen, noch offenen Fragen zuzuwenden und ein nachhaltiges Interesse für die Bilder und ihren Maler zu wecken – ein gerechtfertigtes Interesse an Hubert Globisch weit über die Stadt Potsdam und über das Jetzt hinaus.

Im Zentrum des Buches wie auch der Wanderausstellung steht die umfangreichste Werkreihe des Malers, die er der Oderflut des Jahres 1997 gewidmet hat. Die Ausstellung wird westlich und östlich der Oder von Museen, Galerien und Kunstvereinen gezeigt. Die Ausstellungstour begann am 9. Mai 2007 in Oppeln und wird vom 22. Juli bis 19. August in Eisenhüttenstadt zu sehen sein. Danach schließen sich Frankfurt/Oder, Słubice, Müncheberg, Brieg und Glogau an. Über den aktuellen Verlauf der Wanderausstellung, weitere Details des Buches, das literarische Begleitprogramm sowie die Förderer und Partner informiert die deutsch-polnische Website des Potsdamer Kunstvereins www.potsdamer-kunstverein.de/globisch

Thomas Michael Kumlehn
lebt als Herausgeber und Kurator des Potsdamer Kunstvereins in Potsdam und Marquardt

[1] und alle folgenden Globisch-Zitate in: Globisch, Hubert: Malerei 1914 – 2004 Vom Lauf der Flüsse; Dresden, 2007.
[2] Hüneke, Andreas: Hubert Globisch. Potsdam, 1999.
Weitere Informationen zu Hubert Globisch und einige Bilder des Werkzyklus Oderflut sind zu finden unter
www.potsdamer-kunstverein.de/globisch