Es wird nie einen geben, der alles kann

Veit Templin, Hochbaumeister in Neulietzegöricke

Aufgeschrieben von Kenneth Anders

Schmiedewerkzeug
Schmiedewerkstatt Veit Templin, Zimmermann, Neulietzegöricke
Fotografie: Ingar Krauss 2016

Dachdecker, das ist ein Beruf, der sehr hart ist. Du bist wie ein Fischer, immer im Wetter drin. Und sogar noch extremer. Als Fischer hast du das kühle Wasser vor dir, als Dachdecker musst du diese Dachhaut aushalten, die sich zusätzlich aufheizt. Wenn du eine Kehle gedeckt hast, dann ging das manchmal über Tage, wie in einer Bratpfanne war das. Außerdem ist es körperlich schwierig, denn es ist einfach immer schräg. Die alten Dachdecker bei uns, die ihr Leben lang Biber gedeckt haben, wie der alte Erich Gülisch, die hatten eigentlich eine kurze Seite, das war die, die am Dach entlang arbeitete. Die liefen auch so, immer schräg. Da hat sich der Körper an das Milieu Dach im Laufe der Jahrzehnte angepasst, die Wirbelsäule verschoben, der Arm ging bloß bis hier. Also, es ist ein harter Beruf. Trotzdem waren sie kräftige, zähe Menschen, durch das Wetter gegerbt. Die hat nichts umgehauen, weil sie immer draußen waren. Es gab früher auch kaum Schutz dagegen – bei einer Gummijacke bist du von innen durch den Schweiß nass geworden. Also hast du Wattejacken angezogen, und wenn die durchnässt waren, hast du die nasse Wattejacke im Bauwagen an den Ofen gehängt und dafür eine neue angezogen. Und manchmal hast du es aufgegeben und warst einfach nass. Wenn du dann nach Hause kamst, dann hast du auch wirklich einen Ofen gebraucht. Aber wegen schlechten Wetters nicht arbeiten? Das gab es eigentlich nicht. Bei Dächern ist alles immer in Eile – da unten wohnen Menschen drin, das Haus darf nicht nass werden. Wenn dann meine Jungs kamen und sagten: „Meister, es regnet!“ Dann sagte ich: „Na, und nun? Dann hättet ihr Bürokauffrau werden müssen, wenn euch das stört, aber nicht Zimmermann, Dachdecker oder Maurer.“

Als junge Burschen waren wir auch noch eitel und wollten unbedingt braun werden, da hast du dann noch mit nacktem Oberkörper auf dem Dach gestanden – alle Dachdecker, die ich kannte, standen im Frühjahr ohne Hemd auf dem Dach. Alle kriegten einen Sonnenbrand, haben die Pelle abgezogen, aber danach war es für den Sommer vorbei. Ich sah immer aus wie ein Außer­irdischer, so dunkelbraun war ich. Aber heute ist die Sonne intensiver, da ginge das nicht mehr. Würde ich auch nicht mehr machen.

Handwerk ist für mich Lernen. Ich habe vor mir auf der Baustelle einen jungen Maurermeister stehen. Den frage ich: „Hast du schon mal Zyklopen gemauert?“ Nee, hat er noch nie gemacht. Die lernen das gar nicht mehr. Das war ja damals ein Riesenaufwand und eine hohe Kunst. Es ist ein Mauer­werk, das statisch gar nicht nachweisbar ist, man weiß kaum, warum es steht – und es kann auch umfallen wie eine Lawine. Es hält durch die kleinen Spickel. Die Feldsteinmaurer brachen sich dadurch auch oft die Finger, denn sie mussten mit den Händen korrigieren. Wie dem auch sei, es ist eine hohe Kunst. Also sage ich zu ihm: „Aber deshalb bist du eigentlich hier. Um den Feldstein auszubessern.“

Ich habe diese Herausforderungen gesucht. Das Flicken und Reparieren war immer ein Teil meiner Arbeit, dadurch lernte ich, sodass ich es schließlich auch selbst machen konnte – ob es Fundamente waren oder Dächer. Deshalb interessierten mich die Denkmalpflegeobjekte, durch sie habe ich mir die Sachen aneignen dürfen.

Hand mit Hammer
Tim Lehmann, Zimmermann, Neulietzegöricke
Fotografie: Ingar Krauss 2016

Und dass ich diese Chance hatte, das ist nicht selbstverständlich, denn die verschiedenen Baubereiche haben eigene Wissenswelten hervorgebracht. Ein Maurer konnte nicht alles machen. Das Feldsteinmauerwerk war ein vollkommen gesondertes Gewerk. Mit einem normalen Mauerstein wussten die Typen kaum etwas anzufangen. Die Handwerker waren durch ihre Werk­stoffe, durch ihre Materialien geprägt, sie waren Spezialisten. So ist es auch bei den Dachdeckern.

Man denke an die Schieferdachdecker im süddeutschen Raum. Die konnten keinen Biber decken. Die kannten Schalungen und saßen die ganze Zeit auf Besen. Die haben den Schuppenschiefer, den Rohschiefer, auf der Erde selbst zu gehackt und sortierten ihn in mehreren Stapeln. Für die unteren Dachbereiche wurden die größeren Schuppen verwendet, die nach oben hin immer kleiner wurden. Mit Schiefer kann man das ganze Dach durch­fächern. Sie zeigten dir die Schiefertafel und unterschieden sie nach Brust und Nacken und anderen Teilen, das war für mich ein Rätsel, ich habe da nichts gesehen. Dann schlugen sie in die Schiefer ein Loch ein – das habe ich auch kaum hingekriegt. Auf dem festen Boden mag es noch gehen, aber wenn du auf dem Besen sitzt, ist es etwas anderes.

Die Rohrdecker waren wieder andere Spezialisten. Mit Bibern oder Schiefer sind die nie in Berührung gekommen. Was ja auch schön ist. Mit Rohr kannst du fast alle Formen eindecken.

Das Bauen war früher im Prinzip durch das bestimmt, was vor Ort da war. Das ist durch die Globalisierung ganz anders geworden, du weißt ja heute nicht mehr, wo du bist. Früher war das klar: Oben an der Küste und an den Mecklenburger Seen war viel Rohr, also nutzten die eben das. Und an der Mosel war Schiefer, also nutzten sie dort den. Schiefer kannten wir nur als englischen Schiefer, das ist eine Art Doppeldach, das musste ich auch machen. Ziemlich lange Tafeln, die auf einem Lattendach eingedeckt wurden, maßhaltig, das haben wir beherrscht.

Eher im Süden, im Böhmischen zum Beispiel, gab es die Holzschindelmacher, das ist wieder eine eigene Welt, hochinteressant, wunderschön und auch sehr haltbar, diese Dächer hielten über 50 Jahre.

Dann gibt es noch Mönch-Nonne. Bei uns … ich kenne hier in der Gegend nur ein Gebäude, das so gedeckt ist, das ist das alte Finanzamt in
Bad Freien­walde. Ansonsten findet man das eher im mediterranen Raum, da hat es ja auch seine Berechtigung: ziemlich flache Dächer mit konzentriertem Wasser­lauf, auch sehr schön. Da bist du in Breite und Länge sehr flexibel und kannst deshalb viele verschiedene Dinge machen, schieben, drücken, pressen, Grate machen, Kehlen eindecken.

Und hier in der Mark stieß man auf die großen Tonvorkommen, deshalb konnte sich die Arbeit mit den Ziegeln entwickeln. So ist auch die Biber­deckerei ziemlich spezialisiert. Man kann Konstruktionen decken, die heute mit normalen Ziegeln nicht zu schaffen sind. Was heute alles mit Blech gemacht wird, hat früher alles mit Biber gehen müssen, so habe ich es noch gelernt. Also nach den neuen Bedürfnissen ist es nicht 100-prozentig, aber wenn das Raster einigermaßen hinhaute, bekam ich es so hin, dass nichts durchkam, obwohl er keine Falz hat! Spliss, Doppel oder Krone, diese drei Varianten gibt es und die haben je ihre Technologie. Oder die Kehlen zu decken: Wenn man das schafft, hat man sein Meisterstück.

Deshalb wird es nie einen geben, der alles kann. Man kann alles üben, aber es ist ein weiter Weg. Das Gewerk beinhaltet immer mehrere Bereiche, in denen eine Meisterschaft möglich ist. Bei den Maurern gab es nicht nur Feldstein- und Ziegelmauerwerk, auch der Schornsteinbau hatte sich als eigene Handwerkskunst ausgebildet. Oder bei den Zimmerleuten: Mühlenbau, das war eine eigene Welt. Andere Oberfläche, andere Dimensionen, andere Passgenauigkeit, Einschaler sind ebenfalls spezialisiert bis heute. Dann die Tischler für Modell und Möbel, die Stellmacher … Es gibt verschiedene Facetten und ich meine fast, die Dachdeckerei hat die meisten.

Angefangen habe ich als Lehrling zu DDR-Zeiten mit Pappdächern. Das nannte sich Weichdach, eigentlich auch schon wieder eine Spezialisierung. Das bot sich an, weil die Dächer flach waren, eine geringe Neigung hatten und durch die Schalung begehbar waren. Die Pappe war für diese Dächer am besten machbar. In anderen Regionen machte man das mit Blech, aber bei uns war Pappe populär. Das Problem ist, dass es nicht sehr haltbar ist, pflegeaufwändig und die Fehleranalyse schwer. Wenn es irgendwo nass ist, heißt das nicht, dass dort das Loch sein muss. Das Flicken ist auch kompliziert. Heute hat man diese Schweißbahnen, aber das Prinzip bleibt natürlich das Bitumen. Nur musst du nicht mehr am Teerkocher stehen – das war ja Urmenschenarbeit. Da haben wir ein 200-Liter-Fass aus Blech hingelegt und es längs aufgeschlagen. Die meisten Fässer hatten noch Rollreifen, aber du musstest einmal längs alles aufschlagen, dann die Deckel wegnehmen, reinfassen und das Blech auseinanderziehen. Dabei hat man sich immer geschnitten. Dann hatten wir zwei Äxte, die lagen im Wasser, mit denen zerschlugen wir den Teer und reichten an den Kesselwart oben die Stücke. Der hat das Zeug gekocht. Es musste eine bestimmte Temperatur haben, wenn du reingespuckt hast, musste es wegzischen, mit einem bestimmten Ton. Mehr nicht, sonst fing es an zu brennen. Weniger auch nicht, dann bekamst du es nicht hin. Dann kauften wir uns zehn paar Turnschuhe für zwei Mark und wischten wie beim Tapezieren das Zeug mit dem Besen aus dem Eimer auf das Dach. Und abends warst du fünf, sechs Zentimeter größer. Am nächsten Morgen konnte man es dann wieder abschlagen, klack-klack-klack, warst du wieder fünf Zentimeter kleiner. Heute gibt es ja die Schweißbahnen und das soll alles besser sein und länger halten, aber für mich steckt durch diese Zeit tief drin, dass das nichts Hochwertiges ist. Darüber hinaus spielte Asbest eine große Rolle. Fast alles wurde aus Asbest gemacht: Ebenasbest, Wellasbest, vor allem im ländlichen Raum. Sie bauten Stahlskelette und verkleideten alles mit Asbest, ganz schlimm.

Dass ich darüber hinaus überhaupt etwas lernte, lag daran, dass ich mich immer meldete, wenn mal etwas anderes zu decken war. Doppelrömer – da meldete ich mich, Biber erst recht, da war ich immer dabei. Durch diese Schiene bin ich reingekommen.

Reparieren, Reparatur ist vom Handwerklichen her das Anspruchsvollere. Es umfasst viele Dinge, die man unmittelbar wie nebenbei beachten muss. Klar hat das Neue auch seinen Reiz, aber beim Alten muss ich hinschauen. Wenn ich ein Ziegeldach ausbessere, dann mache ich erst einen Dachdeckerausschnitt. Damit du überhaupt hochkommst, schneidest du eine Latte ein – halb schräg, wie eine Schwalbe, fasst sie an und klickst sie raus, dann kannst du dir eine Öffnung machen. Die Schäden sind immer an den komplizierten Stellen, an Orten wie der Traufe. Dann hast du oft nicht mehr das originale Material, andere Maße, du musst schieben und ziehen. Nun musst du den Fugenschlag machen, dass nachher auch alles dicht ist. Auch bei der Tischlerei – in der Zeit, in der ich ein Fenster repariert habe, baue ich dicke ein Neues. Trotzdem sehe ich es als sinnvoll an. Viele fragen mich: „Warum machst du das?“ Ich sage: „Weil es sinnvoll ist.“ Ich glaube sogar, dass das reparierte Fenster länger hält als ein neues, weil das alte Holz besser ist.

Und was ist Pfusch? Für einen heute ausgebildeten Dachdecker ist es ganz normal, dass das Dach schnurgerade sein muss. Ich sage dagegen: Ein krummes Haus und ein grades Dach, das sind zwei unversöhnliche Elemente. Die Bewegung des Hauses muss auch im Dach erhalten bleiben. Das Leben, das entstanden ist, darf man nicht töten mit irgendeiner graden Schnur. Ich habe noch nie einen Dachdecker erlebt, der es drauf hatte, ohne Schnur zu arbeiten. Ich klettere aber auf die Rüstung, sehe mir das an und sage: „Da noch bisschen raus, da bisschen hoch“, Augenmerk eben. Wenn du da oben stehst und das Streiflicht drüber geht, siehst du diese weichen schönen Formen. Und dann sagen die Leute zu mir, ich sei ein Pfuscher. Das ist viel mehr
Arbeit, was ich da mache, aber das Bauwerk stirbt dadurch nicht.

Habe ich überhaupt mal ein Dach von einem neuen Haus gedeckt? Lass mich mal überlegen, ein neues Dach … Ja, im Sozialismus haben wir zwei Eigenheime eingedeckt. Da habe ich sogar mit Schnur gearbeitet. Das ist ja verrückt! Ich war also wirklich fast nur im Altbau unterwegs.

So, und nun stehen die Dachdecker aufgrund der Baustofflobby vor ständigen Herausforderungen. Sie werden mit Katalogen zugeworfen, und jeder Mensch ist ja immer auch verführbar. Nach bauphysikalischen Gesetzen betrachtet, ist das alles nicht schön. Ortsteine, spezielle Firstbelüftungssysteme, so viel wird eingebaut. Dächer, die Hunderte von Jahren in ihrer Schlichtheit und Schönheit gehalten haben, werden jetzt durch lauter Spezialeinbauten verunstaltet. Die Dächer sind kompliziert geworden, was auch am Trockenbau liegt. Man muss die richtigen Folien an der richtigen Stelle einbauen, dass man in den Räumen überhaupt noch leben und atmen kann. Du musst das ganze System betrachten, es ist wie eine Sehne, an der alles hängt. Wenn dann aber in den Dampfbremsen Störungen oder Lecks auftreten, habe ich an diesen Stellen einen hochkonzentrierten Schaden. Und diese Erscheinung ist nicht sichtbar. Man erreicht also eigentlich das Gegenteil von dem, was man wollte. Man will das Holz schützen und macht es nass. Bis zu 200 Liter Wasser, habe ich gelesen, sammeln sich an der Traufe in Form eines Sackes, bevor er platzt – ein wunderbares Klima für Pilze. Der Fortschritt, so will ich es mal nennen, verkompliziert alles, denn jeder Kubikzentimeter Raum wird als Wohnraum umgebaut.

Früher war das Dach ein Kaltdach. Alles war offen, sichtbar, durchlüftet, höchstens noch eine Sommerkammer in der Mitte. Das ist für mich immer noch das am besten funktionierende System.
Ich habe das in meinem Haus auch erlebt. Das Haus wurde immer voller, die Kinder kamen, Gesellen mussten untergebracht werden. Da fing ich auch an, Kammern auf dem Dach auszubauen. Aber ich holte damals den Kondensations­punkt nach innen. Ich habe die Dämmung so verschoben, dass die Sparren außen lagen, damit ist es im Prinzip immer noch ein Kaltdach. Also auch keine Dampfbremse. Ich lehne Dampfbremsen ab. Das ist, als ob du in einer Thermoskanne wohnst, das kann nicht gesund sein. Die Giebelflächen sind im Verhältnis zum Raum sehr klein. Ich habe mich damals auf der Meisterschule mit meinem Baustoffdozenten gestritten und gesagt: „Das kann doch gar nicht hinhauen!“ Da sagte er: „Sie bleiben mal nachher noch sitzen.“ Und als wir allein waren, sagte er: „Ich muss Ihnen recht geben. Die Fläche für den Abbau des Dampfdrucks ist viel zu klein und oftmals wird diese heutzutage auch noch gesperrt.“

Im Freilichtmuseum Klockenhagen stehen Häuser, bei denen sich die Menschen früher Räume von den Stallungen abtrennten, um darin zu wohnen. Da kann man erkennen, dass die Schäden am Bauwerk dort auftraten, wo die Leute wohnten, nicht im Stall. Da tauchen die ersten Kondensat­probleme auf, das kann ich am Fachwerk regelrecht ablesen, die Balken sehen aus wie T-Träger. Damit schlagen wir uns im Prinzip bis heute herum. Je mehr der Mensch versucht, Raum für sich zu gewinnen, umso größer werden die bauphysikalischen Probleme. Das schafft dann wieder Einsatzgebiete für all die chemischen Produkte. Heute darfst du keine Konterlatte mehr aufnageln, ohne vorher Schaum drunter zu machen – diese ganzen Dinge sehe ich nicht als zukunftsweisend an. Wir haben keine Langzeiterfahrung damit. Also, neue Häuser kann man schon adäquat bauen, alte zu dämmen ist dagegen riskant. Aber über den Satz werden die Leute erst in 20, 30 Jahren nachdenken.

In der DDR-Zeit gab es keine Ziegelei mehr, die für uns Dachsteine herstellte, wir hatten nur Betonsteine aus Jatznick. Ich weiß noch, wie wir die ersten Kataloge für Tonziegel aus dem Westen in der Hand hielten, mit Kopffalz, alles, wofür wir früher geschwärmt hatten. Wir bekamen dadurch wieder mehr Bezug zum alten Handwerk. Auch die Schneidtechnik, die auf einmal zur Verfügung stand – das Eindecken von Kehle und Ort, das war ja auf einmal ein Traum. Bis dahin hatten wir nur gekniffen, es gab keine Flex. Das war eine Mordsarbeit, davon hatte man immer Blutergüsse an den Ober­schenkeln, weil man die Zange so komisch innen halten musste. Bei den Klosterbibern hatten wir manchmal Ziegel, die waren fast drei Zentimeter dick. Das ließ sich nun alles leichter verarbeiten.

Das Mörteln und Schrauben der Dächer ist auch so eine Sache. Da würden mir viele Bauphysiker wieder sagen, ich pfusche, so wie ich es mit dem Mörtel mache. Aber ich sehe doch die Häuser, die 100, 200 Jahre stehen. Der Kalk hat die Angewohnheit, Feuchtigkeit anzuziehen, ja, sie sogar nach oben zu transportieren. Bei langem Regen müsste deshalb der ganze Backstein des Gebäudes durch die Fugen durchnässt sein. Das ist aber nicht so. Bei richtiger Machart, bei Querfugenlängsschlagdeckung, muss man mit der Berliner oder der Böhmer Kelle den Kalk aufnehmen und dann den Biber so halten, dass man – zack – einmal lang streicht. Dadurch ergibt sich eine Rhombusform. Und dann kommt das Erlebnis: der Mörtel darf nicht abfallen. Er muss klebenbleiben, wenigstens die Sekunde bis zum Andecken. Dann quillt es raus und du gehst mit der Kelle ran, mit der Spitze, sammelst den Überschuss und glättest im Zurückgehen die Fuge. Und beim Querschlag, egal ob Krone oder Doppel, muss der Mörtel – klack – genau hier oben am Rand liegen. Wenn du dann den nächsten Ziegel drauflegst, ist der Mörtel an dieser Stelle wie hochgequollen. Eigentlich ist das wunderschön. Macht auch Laune. Und diese Dächer sind gegen jeglichen Schnee am dichtesten. Heute wird ja der Schnee auf einer Unterspannbahn gesammelt, dadurch läuft der geschmolzene Schnee aus dem Dachkörper raus – aber es gibt immer noch keine Konstruktion, die das Wasser in die Dachrinne ableitet. Es läuft immer auf den Sims – und der wird also nass.

Das Problem bei Längsfugenquerschlag ist die Reparatur. Durch den Kalkmörtel ist die Dachhaut homogen, und wenn man nun eingreift, macht man das lose. Da ist es wichtig – und das ist das, was keiner mehr heute versteht: Keinen Zement nehmen beim Decken! Da kriegen alle das Flattern – das hält doch nicht! Du musst dir einen Kalkmörtel machen, eine Art Ameisen­haufen anlegen und zwei Wochen durchnässen lassen, bis er dunkel wird.

Es gibt heute keine Zeremonien mehr. Ich gehe noch zum Holz und fasse es an, bevor ich es verarbeite. Ich gehe auch an die Maschinen und lege die Hand drauf, wenn es nach paar Wochen wieder losgeht. Auch Kalk machen ist eine Zeremonie. Du gibst immer wieder Wasser ran und beobachtest den Haufen, bis er fertig ist. Das gibt dann einen richtigen schönen Steherkalk, den brauchst du als Dachdecker. Und dann wird der weichgehauen und es kommen Zusatzstoffe ran, früher nahm man zum Beispiel Kälberhaare, damals hat man noch die Kühe geschoren. Heute gibt es so ein Glasfiberzeug dafür. Und das verbindet sich miteinander, das hält die Dachziegel und den Mörtel wie eine Armierung in einem Körper, also reißt die Fuge nicht ab.

Die Mörtelfuge soll in etwa die Festigkeit des Materials haben, das sie verbindet – eher ein bisschen weicher. Wenn du nun einen Handstrichziegel hast, ist es Sünde, Zement ranzumachen. Wenn du aber Feldstein hast, musst du einen hochhydraulischen Kalk nehmen – oder auch Zement, du brauchst eine gewisse Härte. Beton ist ganz etwas anderes. Bei den Betondachsteinen der DDR-Zeit, dieser Frankfurter Pfanne, da waren wir gezwungen, Zement dranzugeben, weil es dem Material eben am nächsten kam. Also haben wir von innen die ganzen Betondachsteine flächig verstrichen, die Dachfenster mit Säcken abgehangen und los ging es – wir hatten ja diese Folie nicht.

Mein erster Meister war im Hochbau, das war noch so eine Industrie­variante aus der DDR-Zeit. Da wurde man delegiert, ich durch das Freilichtmuseum. Von da aus machte ich den Maurermeister. Ich kam zur Denkmalpflege, weil ich mich nur mit alten Häusern befassen wollte. Und dann kam ich in die Zimmerei und Dachdeckerei hinein.

Ich ging nach Pilgram zu einer alten Bausubstanz, bei der ich den Lehmbau machen konnte. Das war eine sehr fruchtbare Zeit, in der wir mit vielen anderen Handwerkern Kontakt hatten und voneinander lernten, immer in anderen Regionen. In dieser Zeit sah ich, wie schwer es ist, alte mit neuen Bauweisen zu kombinieren – beim Fußboden zum Beispiel, der heute immer nach unten gesperrt wird. Wenn du ein Fachwerk in eine geklebte Wanne stellst, fängt es an zu gammeln. Schon damals fing ich also an, mich von diesen Dingen zu lösen. Ich sah mir an, wie die das früher in den Griff bekamen. Man sieht ja, wo es gehalten hat. Ich sehe so ein Wohnhaus im Laufe der Jahrzehnte, das ist für mich ein Lebewesen, dessen ganze Geschichte betrachtet werden muss, um es richtig behandeln zu können. Auch die Grundrisse, die muss man rekonstruieren. Erst dann kann ich mich hineinversetzen.

Wer sagt, die Zahlungsmoral sei besser geworden – das verstehe ich nicht. Es ist immer noch schlechter geworden. Ich habe gestern wieder mit einem Auftraggeber gesprochen, der seit Monaten nicht bezahlt. Er redet sich raus, tut doof. Ach, das ist einfach nicht fair.  

Aus: Handwerk – Fotografien von Ingar Krauss und Berichte von Handwerkern aus dem Oderbruch. Werkstattbuch 1, Aufland Verlag 2016

Die Texte entstanden im Zusammenhang der Recherchen
für das Projekt »Ein Handwerkerhaus für Altranft«
im Rahmen des Themenjahres Kulturland Brandenburg 2016
»handwerk – zwischen gestern & übermorgen«.

Kulturland Brandenburg
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Landkreis Märkisch-Oderland