Die höchste Form des Arbeitens ist das Arbeiten mit der Hand

Tim Wolf und Rolf Lukoschek, Steinmetzmeister in Zäckericker Loose

Aufgeschrieben von Almut Undisz

Hand mit Holzklöpfel
Rolf Lukoschek, Steinmetz, Zäckericker Loose Fotografie: Ingar Krauss 2016

Das Berufsbild heißt Steinmetz und Steinbildhauer. Das hat sich im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte verlagert und verändert. Und ist eben stark von der Region abhängig. Im Oderbruch gab es sicher immer einen Schrifthauer, der Grabinschriften gehauen oder auch mal eine Granitstufe gehackt hat. In Bad Freienwalde sieht das aufgrund der Kurhäuser schon wieder anders aus. Da gab es vor einigen Jahren auch mal am Kurmittelhaus ein Portal zu machen. In anderen Regionen wie in Sachsen, in Mittel- oder auch Süddeutschland, wo viel Naturstein ist, bestehen die Häuser aus Sandstein, mit Fensterrahmungen, Profilen und Gesimsen, haben teilweise Bauplastik. Dort gab es früher eine Menge Leute, die diesen Beruf ausführten, aber heute ist er so gut wie ausgestorben.

Grabsteinmetze bilden eine eigene Sparte, die kaum etwas mit den Bausteinmetzen oder den Bildhauern zu tun hat. Grabskulpturen sind das einzig Verbindende, aber das ist hier nicht sehr verbreitet. In der Praxis sind das zwei komplett verschiedene Branchen. Die Ausbildung ist übergreifend, aber die Spezialisierung kommt bereits am Ende der Lehre.

Das Berufsbild hat sich vollkommen verschoben. Es gibt noch einige Leute in der Restaurierung, aber die meisten Steinmetze machen Platten und Grabsteine. Und selbst da setzt kaum noch jemand eine richtige Keilnutschrift. Das sieht schick aus und ist noch rein handwerklich. Aber heute arbeiten die meisten am Computer, an dem wird die Schrift entworfen, eine Schablone aus Gummi hergestellt und mit einem Sandstrahl ausgefräst. Das sieht rundgelutscht aus. Die oberste Schicht wird abgenommen und durch die unterschiedliche Färbung von Stein und polierter Oberfläche wird die Schrift lesbar. Das ist nicht so plastisch wie die Keilnutschrift, bei der Schatten die Schrift verstärken.

Die Steine kommen zumeist aus Indien oder China und sind schon fertig poliert. Seelenabschussrampen oder Seelenrutschen nennt man diese geschwungenen Steine. Das geht ruck, zuck, die Schrift einzugravieren. In Deutschland gibt es ein Nord-Süd-Gefälle. Hier im Norden sieht man haufen­weise diese Seelenrutschen mit wenig Schmuck, vielleicht mal noch einem Palmwedel drauf. Je weiter man in den Süden kommt, desto mehr Aufwand wird betrieben, da findet man auch mal etwas Figürliches oder künstlerische Entwürfe. Die Grabsteine in der DDR bestanden teilweise aus Altbeständen, bei denen die Schrift runter geschliffen und neu gehauen wurde. Das hat sich gelohnt, weil damals die Steine teuer waren, es gab kaum Import. Es gibt also heute einen großen Bereich von Firmen, die diese polierten Grabsteine herstellen. Das sind auch die Firmen, die Bäder und Fensterbänke aus polierten Hartgesteinen herstellen. Die sind darauf spezialisiert. Das ist alles technisiert, mit CNC-Maschinen, CNC-gesteuerten Brückensägen, Kantenpolier- und Profiliermaschinen. Damit geht alles wahnsinnig schnell. Das kommt als Meterware und ist ruck, zuck verarbeitet. Das ist heute der Standard.

Hand mit Schwielen
Ulrich Hahne, Steinmetz, Zäckericker Loose Fotografie: Ingar Krauss 2016

Selbst bei den Arbeiten bei Restaurierungen oder wie jetzt beim Berliner Stadtschloss, wo eher handwerklich-denkmalpflegerisch gearbeitet wird, werden zunehmend Maschinen, zum Beispiel Fräsen, eingesetzt. Das geht mit einem rapiden Abfall des eigentlichen handwerklichen Könnens einher. Diese maschinell gefertigten Teile müssen nur noch von den Versetz­kolonnen eingebaut werden. Früher hat der Steinmetz das Profil für einen Sims mit der Hand rausgehauen. Heute macht das eine Computerfräse. Dann werden die Stücke in Folie eingeschweißt und auf einer Palette geliefert, als kämen sie aus dem Baumarkt. Das war bis vor 15 oder 20 Jahren undenkbar, eine Horrorvorstellung.

Wenn früher ein größeres Gebäude gebaut oder restauriert wurde und die Bauzeit lange dauerte, stellte man vor Ort seinen Schauer auf und machte dort alles mit der Hand. Das war am günstigsten, wenn nochmals etwas nachgemessen oder nachgeschaut werden musste. Man hatte keine Transport­wege. Das entsprach der Tradition der Bauhütten, die immer von Baustelle zu Baustelle zogen. Jetzt gibt es Bauhütten noch an Gebäuden wie dem Kölner Dom, die bauen daran noch ewig. Oder in Sanssouci. Das sind die tollsten Stellen für Steinmetze. Eine schöne Umgebung, eine Wohnung in der Stiftung und bezahlt wie im öffentlichen Dienst. Das sind winzige Inseln in einem Meer von Maschinenfertigern.

Rolf Lukoschek: Ich bin innerhalb der Inseln noch eine Insel, weil ich alles von Hand mache. Das liegt daran, dass ich damals kein Geld hatte, als ich mich nach Ausbildung und Walz selbständig gemacht habe. Ich hatte bei einer Firma in Potsdam gelernt, die viel für die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten gearbeitet hat. Ich hatte schon eine gewisse Sicherheit, weil die Skulpturenwerkstatt der Stiftung mich immer wieder mit Aufträgen versorgt hat. Trotzdem war nie genug Geld für Druckluft da, für einen Kompressor und die Pistolen. Auch die druckluftbetriebenen Eisen, die Meißel sind teuer. Ich habe deshalb alles mit meinen alten, schmiedeeisernen Werkzeugen gemacht und mich so eingefuchst. Ich mache alles noch old school. Es sieht auch anders aus, als wenn man mit Druckluft arbeitet. Der Hieb ist ein anderer, ist viel länger. Druckluft macht kürzere Hiebe. Das Stadtschloss ist jetzt auch in Kürze durch, es sind noch ein paar große Figuren geplant, von denen ich schon gern noch eine machen würde. So ein Stadtschloss kommt nicht noch mal. Dann verkaufe ich mein Werkzeug und kümmere mich um meine Landwirtschaft, mache Steine vielleicht noch mal aus Daffke.

Mit dem Berliner Stadtschloss gab es noch mal einen Boom. Dabei wurde klar, wie wenige das noch machen und vor allem können. Danach wird sich das wieder reduzieren auf ein ganz dünnes Auftragssegment. Auch beim Stadtschloss wird alles verwendet, was auf dem Markt ist. Das meiste wird in Polen produziert. Aber auch in Polen werden die guten Leute rar.

Alles, was an bildhauerischem Schmuck an einem Gebäude ist, muss vorher modelliert werden. Bei figürlichen Elementen wird zuerst ein kleines Bozzetto gemacht, also ein 1:5-Modell. Dann wird das in Ton 1:1 modelliert, in Gips abgegossen und erst dann in Sandstein kopiert. Das Arbeiten nach einer Zeichnung kann keiner mehr. Manchmal dauert es ein Jahr lang, bis das Modell fertig ist. Und wenn das verschiedene Leute sind, die das Modell bauen und es in Stein hauen, muss das alles konkret sein. Zu sehr vermiezeln sollten die sich aber auch nicht, das ist bei drei Meter hohen Figuren, die 25 Meter hoch stehen, einfach nicht nötig. Die Steinmetze oder Steinbild­hauer haben früher die Figuren mit einer gewissen Verve aus dem Stein gehauen, deshalb sehen die so lebendig aus. Die hatten Stress und es musste schnell gehen. Anders als bei anderen Gewerken geht es bei Steinmetzen gerade bei figürlichen Arbeiten stärker nach dem Auge, nach der optischen Stimmigkeit. In der Ausbildung hieß es: Millimeter gibt es beim Steinmetz nicht. Das kleinste Maß ist Zentimeter. Selbst wenn man technische Sachen haut, also Profile. Man muss sich ja immer auf den Stein einstellen. Wenn man bei einem Findling die Schrift raushaut und misst das wie bei einem geraden Stein ein, sieht es eben nicht gut aus.

Generell werden die Aufträge immer nur über Bekanntschaft vergeben. Als Handwerker ist man darauf angewiesen, dass man Auftraggeber hat. Und die Aufträge sind rar und vor allem im Wesentlichen in Berlin. Das ist zu weit, um es regelmäßig zu bewältigen.

Tim Wolf: Ich arbeite nicht mehr in meinem Beruf. Die Auftragslage ist vor einiger Zeit wenig ermutigend gewesen und ewig nach Berlin zu fahren, dazu hatte ich keine Lust. Gelegentlich mache ich einige kleinere Sachen, ein paar Stufen oder einen Stein, für Freunde eher. Manchmal habe ich noch Aufträge
als Gutachter bei der Fassadensanierung, aber auch das in Berlin. Meinen Lebens­unterhalt verdiene ich nicht mehr als Steinmetz.

Firmen, die früher bis zu 60 Angestellte hatten, arbeiten jetzt mit Freiberuflern oder Polenkolonnen. Die kommen nur für einen Auftrag und wenn der erledigt ist, ist die Zusammenarbeit beendet. Das entlastet die Firma, die kann sich nicht verkalkulieren, denn es bleibt am Subunternehmer kleben, wenn der es für das Geld nicht schafft. Andererseits wird es mit der Zuverlässigkeit immer schwieriger. Aber wenn man ein Tattermobil bezahlt, kann man keinen Porsche erwarten. Arbeitet man mit immer günstigeren Arbeitskräften, muss man mit einem gewissen Qualitätsverfall rechnen.

Manchmal geht die Arbeit mächtig auf die Knochen, gerade wenn man auf Granit arbeitet oder mit dem Pressluftgerät über Kopf. Die alten Meister sind oft nicht alt geworden, die haben ja noch ohne Masken gearbeitet und hatten häufig Silikose. Es ist auch mental anstrengend, bildhauerische Arbeiten zu machen. Man muss extrem konzentriert sein, wenn man nach Modell etwas haut. Das ist mental anstrengender als physisch. Das ist beim Steinmetz anders, bei dem das Heben und Schleppen die Anstrengung ausmacht. Steinmetze machen Fassaden, einfache Ornamente, Gesimse. Steinbildhauer machen alles, was figürlich ist, an Gebäuden die Bauplastik, Kapitelle, Rosetten, bis hin zu ganzen Figuren.

Inzwischen spielt auch eine starke Restauratorenlobby eine Rolle. Früher wurde das, was kaputt war, ersetzt. Da hat man geschaut, wie die Nase bei den Figuren rechts und links aussieht und sie entsprechend gehauen und wieder angeklebt. Heute sagen die Restauratoren, das ist der Zahn der Zeit, wir wollen nichts verfälschen. Sie nehmen sich einen Großteil der Finanzmittel für ihre Schadenskartierung und das bisschen Rest geht für die Reinigung drauf. Dann werden die abgebrochenen Arme und Beine ein bisschen angeböscht, alles wird gesichert und so wieder hingestellt. Aber das beeinträchtigt stark die Lesbarkeit eines Gebäudes oder eines Kunstwerkes. Wenn man als Handwerker nicht die Möglichkeit hat, so etwas zu rekonstruieren, weil der Restaurator das nicht für nötig hält oder das Geld nicht da ist, verlernt man es irgendwann. Es gibt immer weniger Leute, die dazu befähigt sind und nur in der Restaurierung besteht die Möglichkeit, dieses Handwerk auszuüben. So gesehen ist das Berliner Stadtschloss noch mal das große Fest vorm Totentanz. Das ist eigentlich ein Abgesang. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Handwerker noch große Staatsaufträge erhielten und riesige Werkstätten mit Gießern und Steinmetzen existierten, in denen für die Staatskanzlei Adler und Heroen geschlagen wurden, ist die figürliche Arbeit in der Bildhauerei untergegangen. Seit 1950 gibt es praktisch keine Bauplastik mehr. Dabei ist es viel schöner zwischen reich verzierten Fassaden, wo ein bisschen Tamtam dran ist. Das ist einfach menschlicher.

Was das Material betrifft, ist man in der Restaurierung gebunden. Mit dem schlesischen und sächsischen Sandstein und dem schlesischen und sächsischen Granit ist halb Berlin gebaut. Stein stammte möglichst aus der näheren Umgebung oder musste schiffbar sein. Für das Neue Palais wurden dafür extra Kanäle gegraben. Die große, monolithische Granitschale vor dem Neuen Museum ist zum Beispiel über Wriezen geschifft worden.

Die meisten Steine kommen heute aus Indien, China, Brasilien oder Süd­afrika. Gerade die Steine für die neuen Gebäude, für Fußböden und Fassaden. Die sind gigantisch billig. Da wird für einen Platz in Potsdam der Granit eines chinesischen Anbieters genommen, weil der halb so teuer ist, wie der Lausitzer Granit. Das hat sich total gewandelt.

Mal abgesehen von der Denkmalpflege hat sich das Handwerksbild in den letzten 50 Jahren stark verändert, sowohl von den Materialien, als auch von den Verarbeitungstechnologien her. Das ist ein sterbendes Handwerk. Man findet auch niemanden mehr, der noch ausbildet. Wenn man etwas lernen will, muss man in eine Firma gehen, die in der Denkmalpflege arbeitet. Sonst wird man so etwas wie Industriearbeiter für Hartgesteinverarbeitung und verarbeitet in einer riesigen Produktionshalle Hunderte Kubikmeter Stein, in der vom Büro aus die Maschinen programmiert werden. Die Arbeiter fahren nur noch mit Gabelstaplern und bringen und holen die Steine.

Die höchste Form des handwerklichen Arbeitens ist das Arbeiten mit der Hand und davon gibt es in diesen Betrieben nichts mehr. Je mehr man mit Maschinen arbeitet, desto weniger handwerkliches Geschick bleibt erhalten oder wird vermittelt. Wenn man Geld in diesem Beruf verdienen will, kann man sich Handarbeit nicht mehr leisten. Dabei ist handwerkliche Qualität in Deutschland gut verankert. In anderen Ländern gibt es diesen Kanon in der Lehre und Ausbildung nicht. Da gibt es viele Arbeiter, die zwar genauso geschickt sind, aber nicht traditionell und gründlich ausgebildet. Die Ausbildung, die wir noch hatten, war schon gut. Aber das geht verloren, wenn der Wettbewerb zunimmt. Alles wird europaweit ausgeschrieben. Wenn dann mit Leuten aus anderen Ländern gearbeitet wird, die billiger sind und nicht so gut, hat man keine Chance. Und dann können auch die Innungen nichts machen, außer mal ihren Unmut zu äußern.

Die Innungen kümmern sich zumindest noch um die Ausbildung, regulieren die Lehrleitlinien. Da müssen alle ihren Obolus entrichten, um das Bildungszentrum für die überbetriebliche Ausbildung zu finanzieren. Wenn das wegfiele, ginge es noch schneller zu Ende.

Aus: Handwerk – Fotografien von Ingar Krauss und Berichte von Handwerkern aus dem Oderbruch. Werkstattbuch 1, Aufland Verlag 2016

Die Texte entstanden im Zusammenhang der Recherchen
für das Projekt »Ein Handwerkerhaus für Altranft«
im Rahmen des Themenjahres Kulturland Brandenburg 2016
»handwerk – zwischen gestern & übermorgen«.

Kulturland Brandenburg
Trafo
Landkreis Märkisch-Oderland